Der Perser: Bilder eines Romans

Aus dem Arbeitsjournal des Übersetzers Andreas Tretner

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  1. Natürlich hat ein Roman keine Bebilderung nötig. Entscheidend sind die Bilder, die der Text im Kopf des Lesers freisetzt. Selbst wenn die Figuren ihre eigenen Bilder im Kopf oder in der Hand haben, die eine Geschichte vorantreiben, sind sie nur selten – wie zum berühmten Beispiel in W. G. Sebalds Austerlitz – abgedruckt.
    In Alexander Ilitschewskis weltumspannendem Roman Der Perser sind solche Bildverweise auffallend häufig. Nur folgerichtig, wenn man bedenkt, wie entschieden darin ein »Geist des Sehens« proklamiert, ja, zelebriert wird. Das Auge sei »ein vorgeschobenes, an die frische Luft verbrachtes Stück Hirn«, so der junge Geologe Ilja Dubnow, der ein obsessiver Hobbyfotograf ist. Sehen als ein Denkvorgang, das Auge denkt die Landschaft … Vorhandene Bilder werden mitgedacht.
    Hieraus ergibt sich einiges. Für den Übersetzer zum Beispiel, dass die Recherche mehr als sonst eine Bildersuche, die Textgestaltung auch Bildsynchronisation, Bildbefragung war. Das Arbeitsjournal geriet zum Fotoalbum.
    Jetzt, nach getaner Arbeit, kam die Idee auf, dem potentiellen Leser einen Auszug aus diesem Orbis pictus an die Hand zu geben. Nicht etwa um den Roman damit zu erzählen, geschweige zu erklären – doch es könnte ein Zugang sein, ein Ableuchten seiner so weitläufigen Horizonte. Und ein paar Fußnoten waren unvermeidlich: Der Übersetzer weiß am Ende seiner Reise einfach zu viel, auch sein Auge hat sich etwas gedacht, und außerdem weckt beinahe jedes dieser Bilder neue Romane im Kopf, ein paar liegen näher als andere.

  2. Amelia Earhart und Polarflieger Lewanewski standen auf der Liste ihrer Heiligen obenan … Das Foto der Amelia, worauf sie lächelnd, mit baumelnden Füßen auf dem Rand des Cockpits saß, hing schön gerahmt über der Karte mit den großen Transatlantikflügen.

    (S. 7)
  3. So fängt der Roman an. Kapitel 1 handelt von einer Frau, die in den übrigen siebenunddreißig praktisch nicht mehr auftaucht. (Nicht das einzige Statik-Experiment in der gewagten Konstruktion dieses Buches.) Von der Earhart, zu ihrer Zeit ein Star, gibt es etliche Bilder vergleichbarer Art: Dieses hier, auf dem Tragschrauber, könnte es gewesen sein. Natürlich lässt sich der Satz mit dem Bild vor Augen sicherer, »couragierter« übersetzen.

  4. »Na, Faust? Noch nichts zu sehen?«, so fragte ein hockender junger Mann, braungebrannt und muskulös, in staubigen Shorts und verblichenem T-Shirt, mit kupfernem Ohrring und der Tätowierung E=mc² am linken Unterarm, in der Empfangshalle des Flughafens Köln/Bonn.

    (S. 26)
  5. Die Frage geht an einen Hund mit urdeutschem Namen, aber der russische Leser hört in ihr den berühmten Anfang des Romans Väter und Söhne von Iwan Turgenjew mit, schließt den hier zu erwartenden Helden also mit Jewgeni Basarow kurz, der – neben Dostojewskis Raskolnikow – eindrücklichsten Studentenfigur der klassischen russischen Literatur. Beide übrigens hat man oft und gern durch Nikolai Jaroschenkos Porträt Der Student von 1881 zu visualisieren versucht – das der deutsche Leser heute wiederum für ein Konterfei des Kriminalkommissars Fandorin bei B. Akunin hält, woran der Aufbau-Verlag Schuld hat.

  6. Der Wegweiser durch Moskauer Fabriken führte mich zum ehemaligen Rüstungsbetrieb Michelson, an dessen Tor einst Fanny Kaplan danebenschoss.

    (S.31)
  7. Nachgestelltes Polizeifoto vom Lenin-Attentat, 1918. – »Inszenierung« steht handschriftlich am oberen Bildrand. Die Kaplan stand hierfür offenbar nicht mehr zur Verfügung, da Ober-Volkskommissar Swerdlow sie schon hatte erschießen lassen. Manche behaupten, das ganze Attentat sei eine Inszenierung gewesen – so zum Beispiel Krimi-Autorin Polina Daschkowa in ihrem noch unübersetzten Mysterium Tremendum.

  8. Ich fand mich in der ersten Szene der Filmkomödie Pokrowskie Worota wieder, wo der namenlose Motorradfahrer über den Iwanhügel düst, vorbei am Nonnenkloster, das von Jelena Glinskaja aus Anlass der Geburt ihres Sohnes, späterhin bekannt als Iwan der Schreckliche, gegründet ward und in dem einst die falsche Zarentochter Tarakanowa wie auch die Serienmörderin Saltytschicha gefangen saßen.

    (S.31)
  9. Die angesprochene Szene aus Michail Kosakows zweiteiligem TV-»Straßenfeger« (1982 gedreht, jedoch – bewährtes Konzept – in den 1950er spielend, als die Zeiten besser, weil die Zuschauer jung waren) ist an die 40 Sekunden lang, das Krad fährt in der Zeit geschätzte 800 Meter, womit die geballte Historizität des Hintergrunds schon kein Zufall mehr ist, sondern die normale Kreuzungsdichte von Sujets in der Geschichte des bald tausendjährigen Leviathans Moskau … Im zweiten Kapitel also Muscoviana satt (der Autor erfindet hierzu eine ganze Buchreihe), bevor wir die Stadt hinter uns lassen. – Zurück bleibt, ließe sich sagen, Koroljow, der Held aus Ilitschewskis vorausgehenden Roman (Matisse, Matthes & Seitz, 2015), der Moskau nicht als Überflieger betrachtet, sondern »na dne«, an der Seite derer, die ganz unten sind, darin verfangen ist.
  10. Покровские ворота 1 серия

  11. Moskaus Löwen, einschließlich die an Paschkows Haus, haben auffällig kluge Gesichter – ob die Zivilisation wirklich so viel gewonnen hat, den Weg der Primaten zu gehen, anstatt vierzig Millionen Jahre zuvor auf idealkommunistischer Stufe zu verharren?

    (S.32)

  12. Die übernächste Nacht verbrachte ich schon in Domodedowo, den Kopf auf meiner Jermak-Kraxe; dann noch eine Woche, solange ich auf mein Visum wartete, beim Witwer Tschernikin im Moskauer Südosten, wo ich tagelang mit drei kleinen Orgelpfeifen, seinen Enkeln, auf der Couch saß und ihnen aus der Fröhlichen Familie und den Wundersamen Abenteuern von Karik und Valja vorlas.

    (S.105)
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