BR- oder PR-Journalismus: (k)eine Debatte!

Es ist Zeit, dass die klugen Köpfe zusammensitzen und ihr Selbstverständnis und ihre Freiheit als JournalistInnen überdenken. – Einladung zur Debatte am Runden Tisch.

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  1. 2014 wurden zum ersten Mal Journalisten von der Pro Litteris ausgezeichnet, für "ihr herausragendes berufliches Gesamtwerk als kritisch hinterfragende und recherchierende Journalisten...". Die beiden Preisträger Viktor Parma und Al Imfeld ihrerseits zeichneten einen weiteren Journalisten mit einem Förderpreis aus, "...den die Medienkrise wie andere, so Parma und Imfeld, "zunehmend zu einem Grat- und Grenzgänger" mache. Tatsache ist, dass "Grenzgänger" Oliver Classen kein Journalist ist, sondern PR-Frontmann der Erklärung von Bern, EvB.

    Raunen in der Branche
    Was viele, gerade engagierte und kritische Journalisten und Journalistinnen tun, ist, sich dezidiert  von PR abzugrenzen. Das ist ein ungeschriebenes Gesetz, schon fast ein Verdikt. Was heisst das jetzt, wenn zwei engagierte Journalisten einen PR-Mann auszeichnen? Empörtes Raunen geht durch die Branche. Die Laudatio des streitbaren Medienwissenschaftlers Kurt Imhof vom fög nahm dieses buchstäbliche Raunen auf: Empörungsraunen, Anerkennungsraunen, Verblüffungsraunen und Imhof kommt zum Schluss:

    "Al Imfeld und Viktor Parma wissen nicht nur was guter Journalismus ist, sie wissen auch wo er nötig ist. Hier war, ist und bleibt er nötig.

    Oliver Classen, der das Rohstoffteam der EvB repräsentiert, erhält den Förderpreis zu Recht! Vor solchen Überläufern braucht sich die Branche nicht zu fürchten: Mehr davon! Herzliche Gratulation Oliver!"

  2. Dieser Preisverleihung ging eine kleine Debatte in den Online-Medien voraus. Kluge Journalisten, wie Otto Hostettler und Ronnie Grob  rieben sich an Kollega Oliver Classen. - Otto Hostettler: "Ist «Para-Journalismus» eine Bereicherung?

    (Wichtig - Korrektur: Diesen Absatz am 1. Sept. 2014 korrigiert. - Hier Nick Lüthi herausgenommen. Seine Sicht der Debatte findet sich korrekt hier:  http://medienwoche.ch/2014/03/06/an-ihren-taten-sollt-ihr-sie-erkennen/  )
  3. Die Antwort von Oliver Classen:
  4. Und die Zusammenfassung von Medienblogger Ronnie Grob:
  5. Die zwei Journalisten, klugen und versierten, werfen Classen unter dem Nenner vor, nichts anderes als die Nähe zu den Journalistinnen und Journalisten gesucht zu haben. Ein kleines Wortgefecht in den sozialen Medien unter Männern? Ein bisschen erinnert es mich  an den Chor in "Animal Farm" von Georg Orwell: "Vier Beine gut, zwei Beine schlecht." Journalisten gut, PR-Leute schlecht:

    Nick Lüthi kommt in der Medienwoche vom 6. März 2014 unter dem Titel «An ihren Taten sollt ihr sie erkennen» zum Schluss:

    «Das Beispiel zeigt: Die Trennlinie zwischen Journalismus und Lobbyarbeit, respektive politischem Aktivismus, verläuft längst nicht so deutlich, wie sie manche Journalisten gerne ziehen möchten. Der nüchterne Blick auf hybride Modelle an der Schnittstelle zwischen Journalismus und politischem Aktivismus könnte helfen, die oft mit untauglichen schwarz-weiss Schablonen geführte Debatte zu versachlichen. Das Festhalten an lieb gewonnenen Glaubenssätzen führt nicht weiter. Vielmehr gilt es genauer hinzuschauen, wer was mit welchem Interesse macht. Denn an ihren Taten sollt ihr sie erkennen.»
    Mehr hier:  http://medienwoche.ch/2014/03/06/an-ihren-taten-sollt-ihr-sie-erkennen/ 

    Die Realität ist tatsächlich längst eine andere.  Es genügt nicht mehr, sich bloss zu distanzieren, sich selbst an die Pfeiler von gutem Journalismus zu halten. «Das Festhalten an lieb gewonnenen Glaubenssätzen führt nicht weiter», sagt Lüthi. Dazu zwei Beispiele aus der jüngsten Zeit.

    Beispiel 1 Sonderbeilage der SBB im Tages-Anzeiger, die Zusammenarbeit von Journalisten  und Journalistinnen des Tages-Anzeigers und der PR-Abteilung der SBB. Nick Lüthi nimmt diesen Fall in der Medienwoche vom 12. Juni 2014 auf:
  6. Und ja, wie Nick Lüthi schreibt, die Kennzeichnung der Beilage mag den Grundsätzen der Lauterkeitskommission genügen. Der Tages-Anzeiger aber verletzte des Weiteren damit m.E. seinen eigenen Grundsatz, den "Code of Conducts", dem er sich 2007 verschrieben hat.

    »Anzeigen dürfen durch ihre Gestaltung nicht den Eindruck erwecken, sie seien redaktioneller Bestandteil des Mediums. Insbesondere ist auf eine klare Unterscheidbarkeit der Typographie zu achten.«
  7. Zudem reagiert die PR-Frau und frühere Journalistin Karin Müller am 19. Mai mit einem nonchalantem hey guys, so what?
  8. Es ist so, es war so und es wird immer so sein? - Es ist keine neue Reaktion. Ich kenne sie seit Jahren. Sie lautet in Varianten: Wir Journalisten können die Welt nicht ändern, also halte ich die Klappe und mache meine Arbeit.

    Und Beispiel 2: Die journalistische Aufarbeitung der WM in Brasilien durch die Sportredaktion von Schweizer Fernsehen SRF:

    "Der Sportchef des Schweizer Fernsehens, Urs Leutert, spricht Klartext: «Der Trend zur totalen Kontrolle (der FIFA und der Fussballverbände) ist an einem problematischen Punkt angelangt»."  (Infosperber)
  9. Wir haben nicht nur im Sportjournalismus ein Problem. Wir wissen es. Guter Journalismus ist heute, was den Unternehmen gefällt, den Politikerinnen, dem Publikum. Das Wort Relevanz hat immer weniger Relevanz.

    Man kann diese Auseinandersetzung als Sturm im Wasserglas sehen und zum Business as usual übergehen: Es war schon immer so, es gab immer schon guten und schlechten Journalismus. Gut haben wir darüber gesprochen.  – Uns genügt das nicht. Wir wollen mehr.

    Mit dem runden Tisch vom 3. Septmber 2014 wollen wir einen echten Austausch unter engagierten KollegInnen anregen und nicht einfach nur darüber geredet haben, sondern gemeinsam zu neuen Perspektiven gelangen. Und zu neuen Ansätzen und Lösungen.

    Heute scheint es keine Rolle zu spielen, ob wir BR- oder PR-Journalismus serviert bekommen. Weil BR-Journalisten ohne Wimpernzucken PR-Journalismus machen und offensichtlich PR-Journalisten besten Jouralismus liefern.

    Was ist zu tun? Wie kommen wir zu einem neuen gemeinsamen Selbstverständnis als Journalisten und Journalisten, welches auch umsetzbar ist?

    Es geht nicht darum, ob ein Seitenwechsel gut oder schlecht ist. Es geht nicht darum, was eigentlich die Gewerkschaften tun, für die Hunderten von Journalistinnen und Journalisten, denen gekündigt worden ist (das wäre eine wichtige Diskussion, aber nicht hier). Es geht nicht einmal darum, ob PR gut oder schlecht ist. Viele Journalistinnen und Journalisten können ihre ureigene Aufgabe nicht mehr erfüllen, sei es, weil es ihnen an Zeit fehlt, oder an Bewusstsein, für die Bedeutung ihrer Arbeit.

    "Journalistinnen und Journalisten sichern den gesellschaftlich notwendigen Diskurs.", heisst es in den Pflichten und Rechten. Aber die Rahmenbedingungen, in denen wir arbeiten, haben sich radikal verändert.

    "Angesichts dieser neuen erosionsinduzierten Unübersichtlichkeit müssen erfahrene Vertreter der Branche wissen, was guter Journalismus ist.", sagte Imhof in seiner Laudatio anlässlich der Preisverleihung. - Nur was ist guter Journalismus in der aktuellen Lage und wie können ihn Journalistinnen und Journalisten umsetzen? Medienpolitisch sind es ein paar Diskussionen, die in kleinem Rahmen stattfinden, kaum Öffentlichkeit entfalten.
    Wir können so nicht weiterfahren! Wir müssen weitergehen und einen Weg finden, wie diese Entwicklung zu stoppen und umzukehren ist. - Dafür lohnt es, sich an diesen runden Tisch zu setzen und nach einer Lösung ohne Ausreden zu suchen.
                                                                                                                                                                                     
    Nachtrag 0 -


    Wie aktuell das Thema ist, zeigte Nick Lüthi  in seinem Artikel in der Medienwoche vom 4. Juli 2014

    "Dass die strikte Trennung von Verlagsgeschäft und Redaktionsarbeit schon immer mehr hehrer Anspruch war als gelebte Wirklichkeit, sollte dennoch nicht dazu verleiten, mutwillig die letzten Fragmente der «Chinesischen Mauer» zu schleifen. Eine engere Verschmelzung der einstigen Antipoden Redaktion und Verlag als in Form einer Personalunion von Redaktor und Werbetexter ist nicht vorstellbar. Dass hier zumindest Diskussionsbedarf besteht, ist sich auch Olaf Kunz bewusst, wenn er «intensive Auseinandersetzung mit journalistischen Grundsatzfragen» anstehen sieht. Bis jetzt hat man davon allerdings erst wenig vernommen aus dem Hause Watson."
  10. Nachtrag 2 - 4. Juli 2014
    Philip Kübler im Online-Magazin Medienkritik: "Die Medienhäuser müssen etwas für ihre Freiheit und Legitimation – und für die Unterscheidungskraft gegenüber Public Relations - tun. Dazu gehört im eigenen Interesse die sorgfältige Führung ihrer Medienmarken und ein inhaltlicher und thematischer Qualitätsanspruch mit Qualitätsmanagement. Im öffentlichen Interesse muss ein Medientitel professionelle Journalisten beschäftigen, für die Einhaltung beruflicher Standards sorgen und eine ehrliche redaktionelle Linie formulieren, die unvermeidliche Eigeninteressen transparent macht."
  11. Nachtrag 3 - 5. Juli 2014
    Hanspeter Guggenbühl auf Infosperber: "Das Beispiel der Medienpartnerschaft zwischen TA-Verlag, TA-Redaktion und SBB belegt – einmal mehr: Wenn Redaktionen mit PR-Abteilungen von Staat, Verbänden oder Firmen zusammen spannen, bleibt der kritische Journalismus auf der Strecke."

  12. Nachtrag 4 - 9. Juli 2014             "...Wie mit Teflon gegen Fragen imprägniert..."
    Karl Lüönd in der NZZ (Sonderbeilage Weiterbildung) zum Beruf des Mediensprechers unter dem Titel Hochkonjuktur der Fassadenputzer:
    "Im schlechtesten, aber immer häufiger zu beobachtenden Fall steht dem inkompetenten Journalisten der süss lächelnde «Mediensprecher» gegenüber, der wie mit Teflon gegen Fragen imprägniert scheint und den Zugang zu den wirklich wichtigen Quellen, den Experten im Inneren der Organisationen, versperrt. "
  13. Nachtrag 5 - 15. Juli 2014          Auswandern? Ein möglicher Ausweg? von Ronnie Grob.

     „Ich persönlich habe mich entschieden, keine Kommunikations- bzw. PR-Aufträge anzunehmen. Aber um das zu ermöglichen, musste ich Kauf nehmen, nicht in der Schweiz zu leben. Ich wohne deshalb seit 2007 als freier Journalist in Berlin.“

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