Kuba: Warten im Jahr 2014

Zwölf junge Journalisten aus Print, Online, Hörfunk und Fernsehen haben sich im Zuge einer Recherchereise von journalists.network aufgemacht, die sozialistische Insel zu erkunden. Havanna, Vinales, Pinar del Rio, Matanzas und Varadero hießen die Stationen zwischen dem 22. Januar und dem 4. Februar.

  1. Seit 55 Jahren warten die Gegner Fidel Castros auf ein Ende des Regimes. Seit mehr als vier Jahrzehnten warten seine Anhänger auf ein Ende des Wirtschaftsembargos, das die USA gegen Kuba verhängt haben. Viele Kubaner hoffen auf Reformen. 2008 übernahm Fidels Bruder Raúl die Macht auf der sozialistischen Insel und liberalisierte Teile der Wirtschaft, entließ politische Gefangene und genehmigte seinen Landsleuten zumindest auf dem Papier Reisefreiheit. Das Regime hält an seiner Macht fest, auch wenn es "Aktualisierungen" gibt (dazu Deutschlandradio Kultur). Bis 2018 will Raúl weitermachen. Ein Weiter so, Stillstand oder Aufbruch? Wir haben uns auf die Suche gemacht und mussten zunächst lernen, zu warten. Auf Visa, Akkreditierungen, Gesprächspartner (teils vergeblich), Teilnehmer, Taxen, Busse, Termine - und dass sich Websites aufbauen (Dazu Artikel auf Süddeutsche.de und Zeit.de).
  2. Bis spätestens Dezember sollten die Journalistenvisa genehmigt sein, am 20. Januar, zwei Tage vor Abreise, haben wir sie erhalten. Alle. Am 22. Januar steigen wir in Frankfurt ins Flugzeug nach Havanna.
    Die Organisatoren kannten sich vor der Abreise, viele der Kollegen aus Zürich, München, Köln, Kopenhagen, Berlin und Leipzig sahen sich zum ersten Mal am Flughafen. Ein Gruppenfoto schweißt zusammen:
  3. #JNKuba unglaublich, aber wahr! Alle vollzählig am Flughafen! Jetzt geht's gen Kuba!! http://t.co/RdbONvDe9i
    #JNKuba unglaublich, aber wahr! Alle vollzählig am Flughafen! Jetzt geht's gen Kuba!! pic.twitter.com/RdbONvDe9i
  4. Tag eins der Recherchereise: Nach dem Zittern um das Journalistenvisum warten wir im internationalen Pressezentrum in der Hauptstadt auf die Presse-Akkreditierung.
  5. Los 12 zerstreuen sich zum ersten und sicher nicht zum letzten Mal. Die einen fahren mit anderen Journalisten, die zum CELAC-Gipfel angereist sind, auf eine Pressekonferenz, die Erfolge der Kubaner in der Medikamenten-Forschung preist. Andere sprechen mit einem Reiseveranstalter über Tourismusindustrie, wieder andere lassen einfach die Stadt auf sich wirken.
  6. Bereits am ersten Tag steht fest: Kuba hat viele Gesichter (siehe dazu radioeins vom rbb) und ist, so abgedroschen das klingen mag, ein Land der Widersprüche. Komplizierte Bürokratie trifft auf karibische Lebensfreude, Spitzenforschung findet auch in bröckelnden Häusern statt, was gesagt wird, wurde nur gesagt, und nicht unbedingt getan. Hier ein Interview auf SPIEGEL ONLINE zu Studieren in Kuba, hier die Deutsche Welle zum gleichen Thema.
  7. Kleines Quiz, während wir mal wieder ein bisschen warten: Wo sind wir gerade? #jnkuba4weeks @j_network http://t.co/SN5ZRju1bO
    Kleines Quiz, während wir mal wieder ein bisschen warten: Wo sind wir gerade? #jnkuba4weeks @j_network pic.twitter.com/SN5ZRju1bO
  8. Auflösung: Das Wappen eines berühmten Rum-Herstellers am markanten Bacardi-Tower inmitten Havannas. Mehr zu den faszinierenden Zusammenhängen zwischen der Familiendynastie und der kubanischen Revolution hier.
    Am ersten Abend: Erst Sport, dann Tanz und Musik. #Teambuilding.
  9. Begeisterung für Baseball ist in #Kuba ähnlich groß wie beim "großen Feind im Norden". Ab ins Stadion #jnkuba4weeks http://t.co/XXojDBPS5Z
    Begeisterung für Baseball ist in #Kuba ähnlich groß wie beim "großen Feind im Norden". Ab ins Stadion #jnkuba4weeks pic.twitter.com/XXojDBPS5Z
  10. Am Tag zwei erschließen wir uns die Stadt, bevor es zum Hintergrundgespräch in die deutsche Botschaft geht. Eines begleitet uns auf den Straßen:
  11. Warten ist Kubas dritte Währung: gerade praktiziert in der Schlange vor der Wechselstube. #jnkuba4weeks @j_network http://t.co/IdMAy1Ue2v
    Warten ist Kubas dritte Währung: gerade praktiziert in der Schlange vor der Wechselstube. #jnkuba4weeks @j_network pic.twitter.com/IdMAy1Ue2v
  12. An Tag drei besuchen wir die wunderbaren Projekte Artecorte und Muraleando. Der Friseur Papito hat seinem Beruf wieder zu Ehren verholfen, indem er den Leuten zeigte, dass Haareschneiden ein Kunsthandwerk sein kann und er sein Wissen weitergab (Hier ein Beitrag der Deutschen Welle). Sein Salon ist vollgehängt und -gestellt mit Kunstwerken (-> arte + corte), mit dem eingenommenen Geld gründete er eine Schule für Azubis, unterstützt einen Kinderspielplatz und ein Seniorenheim sowie die Sanierung der Nachbarschaft. Das wirkt, die Gegend um sein Geschäft ist inzwischen ein Touristenmagnet.
  13. Papito ist Havannas Star-Selbstständiger ("cuentapropista"). Der Friseur steckt Gewinne in sein Barrio #jnkuba4weeks http://t.co/XE2X2QCyD3
    Papito ist Havannas Star-Selbstständiger ("cuentapropista"). Der Friseur steckt Gewinne in sein Barrio #jnkuba4weeks pic.twitter.com/XE2X2QCyD3
  14. Genau einen Tag sind die Zwölf für Termine zusammengeblieben, dann verstreuten sich alle wieder für eigene Recherchen in der Stadt. Wir haben mit Menschen gesprochen, die ihr Zuhause verloren haben, weil in Havanna reihenweise Gebäude einstürzen. Wir trafen junge Kubaner und sprachen mit ihnen über Zukunftspläne (dazu im SWR) und Probleme der Gegenwart (dazu die NZZ und Deutschlandradio Kultur), fragten Taxifahrer, wie man die wunderbaren alten Kisten am Laufen hält und warum die Freigabe des Autokaufs für Ärger sorgt (Artikel dazu bei der Süddeutschen Zeitung und SPIEGEL ONLINE) oder wohnten einer Santería bei - eine exzessive religiöse Zeremonie, die mit verschleppten Sklaven aus Schwarzafrika auf die Insel kam. Hier geht's zum Santería-Video - Fotos gibt es hier.
  15. Wichtiger Tag, wichtiges Projekt: Wir besuchen die Welthungerhilfe, um mehr über das Projekt Stadtgärten zu erfahren. Mitten in Havanna wird in riesigen Gärten Gemüse angebaut, um das Transportproblem vom Hersteller zum Verbraucher in den Griff zu bekommen. Die Landwirtschaft liegt in großen Teilen Kubas danieder (dazu ein Beitrag der Deutschen Welle), sie war auf Export in die UdSSR angelegt, der Anfang der 1990er zusammenbrach. Seitdem fehlt es an Ersatzteilen für Arbeitsgeräte und KnowHow, zudem machten sich Monokulturen breit. Anfang der 1990er war die Versorgung der Bevölkerung desolat, die Menschen auf der fruchtbaren Insel litten Hunger. Die Stadtgärten sollen das alle nachhaltig ändern. Unsere Geschichte mit den Stadtgärten erzählt in Tweets:
  16. Die Woche beginnt bei der Welthungerhilfe. Warten wegen Bürokratie & Planungsproblemen. #jnkuba4weeks http://t.co/w7qwJrNsNG
    Die Woche beginnt bei der Welthungerhilfe. Warten wegen Bürokratie & Planungsproblemen. #jnkuba4weeks pic.twitter.com/w7qwJrNsNG
  17. Noch immer warten wir bei der Welthungerhilfe. Das Partner-Institut hat schöne Poster #jnkuba4weeks http://t.co/98KCHpjVhf
    Noch immer warten wir bei der Welthungerhilfe. Das Partner-Institut hat schöne Poster #jnkuba4weeks pic.twitter.com/98KCHpjVhf
  18. Nach dem langen Warten werden wir erwartet: Im "Monday Club" oder "Tertulia" treffen sich Studenten, kritische Journalisten, Intellektuelle und Künstler um offen zu reden. Über alles, ohne Furcht, ohne Scheuklappen - und der Nachbar, angeblich ein Spitzel, darf gerne mithören: "Wir sagen hier nur, was alle zu Hause sagen." Sie berichten auch über Probleme, nehmen uns allerdings das Bild vom brutalen Überwachungs- und Unterdrückungsregime.
  19. Tag 7: Wir haben mit Selbstständigen übers Geschäft gesprochen (dazu Funkhaus Europa, Deutsche Welle hier und hier sowie SPIEGEL ONLINE), mit Experten über Wirtschaftsreformen (dazu die Süddeutsche Zeitung) gefachsimpelt, haben uns die Probleme junger und alter Menschen angehört (ZEITONLINE), mit Kritikern und Unterstützen des Regimes diskutiert (WDR, ab Min. 22:57) haben Internet gesucht und nicht gefunden (dazu die SZ und ZEIT ONLINE), Sportler (Boxen bei WDR, 1Live, ZEIT ONLINE, Deutschlandfunk und SPIEGEL ONLINE), Taxifahrer und Künstler interviewt, wir haben die Autos, die Häuser, die Menschen bewundert (WDR). Nun ist es an der Zeit, Abschied zu nehmen. Nach sechs Tagen verlassen wir Havanna - vollgepackt mit Eindrücken.
  20. Der letzte Abend in #Havanna. Mach's gut, du tolle, wilde Stadt. Ich mag dein Licht & deine Menschen  #jnkuba4weeks http://t.co/J95C8lc0xp
    Der letzte Abend in #Havanna. Mach's gut, du tolle, wilde Stadt. Ich mag dein Licht & deine Menschen #jnkuba4weeks pic.twitter.com/J95C8lc0xp
  21. Unsere nächsten Stationen sind Vinales und Pinar del Rio - natürlich nicht (nur) wegen der eindrucksvollen Landschaft, sondern vor allem wegen der Landwirtschaft. Ein Tabakbauer erklärt uns, wie aus den einfachen Pflanzen Cohibas werden, wie Kooperativen, private und staatliche Landwirtschaft funktionieren. Wir sehen Solarpanels auf Gehöften, TV-Häuser, in denen das Dorf zum Fernsehen zusammenkommt und besuchen eine Zigarrenmanufaktur.
  22. Spaziergang durchs Viñales Tal: Hier leben auch die Aquaticos, die an die Heilkraft des Wassers glauben. Und just regnet's. #jnkuba4weeks
  23. Aus dem Regen in die heiße Karibik: In der Hauptstadt des Rumba, Matanzas, wird auf der Straße getanzt. Die Ursprünge des Paartanzes haben afrikanische Sklaven mit auf die Insel gebracht, heute kommen Studenten aus der ganzen Welt um hier zu lernen. Vorne links im Bild der angeblich beste Rumba-Tänzer der Welt, vorne rechts ein echtes Talent. Hier ein kurzes Video.
  24. Unsere Zeit auf Kuba neigt sich dem Ende zu. Zuletzt betrachten wir ein sehr eigenwilliges Gesicht dieser Insel, die Touristenhochburg Varadero. All-inclusive-Hotels, Golfanlagen, Animateur-Programm, Souvenirläden mit Revolutionsdevotionalien und kubanische Akademiker, die ihr Geld als Kofferträger verdienen. Aber auch, zum ersten Mal für uns: Strand! Meer! Internet! (Zeit.de zu Reisen nach Kuba)
  25. Letzte Station Tourihochburg Varadero. Hotelbunker, Menschen mit gelben Armbändchen. Und natürlich: Handtücher auf den Liegen.#jnkuba4weeks
  26. Nach 14 Tagen nehmen wir Abschied von dem Land der mindestens 100 Gesichter. Geht es den Kubanern schlechter als ihren Nachbarn in Haiti, Mexiko oder Mittelamerika? Wiegt Sicherheit einen Mangel an Freiheit auf? Liegt die Zukunft im Tourismus, wie auf der Dominikanischen Republik? Bringen die Reformen Verbesserungen - auch politische? Wie geht es nach 2018 weiter? Am Ende stellen sich mehr Fragen als zu Beginn der Reise. Wir haben keine Antworten gefunden, aber Erklärungen gehört und Zusammenhänge verstanden.
  27. Wir bedanken uns für die Unterstützung der Reise unter anderem durch AvenToura, Mercedes, Studiosus, der Welthungerhilfe und Condor.