50 Jahre Inter Press Service (IPS)

Die Nachrichtenagentur Inter Press Service (IPS) feierte am 14. April 2014 ihren 50. Geburtstag. Seit der Gründung verfolgt die Agentur einen bemerkenswerten Ansatz: Die Beiträge werden großteils von Journalisten in Afrika, Asien und Lateinamerika verfasst.

  1. »Als Generalsekretär der Vereinten Nationen, als Ghanaer und als Afrikaner habe ich die IPS-Berichterstattung immer sehr geschätzt.«

    Mit diesen Worten würdigte der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan die Arbeit der Nachrichtenagentur INTER PRESS SERVICE (IPS). Vor allem der von IPS gelebte Perspektivenwechsel wurde von Annan in höchsten Tönen gelobt: Die Beiträge werden großteils von Journalisten in Afrika, Asien und Lateinamerika verfasst; sie präsentieren damit Themen und Sichtweisen aus Ländern, die im Strom des internationalen Nachrichtenflusses unterzugehen drohen.
  2. IPS Honours Annan's Four Decades of Service 4 of 4
  3. Kofi Annan lobt die Errungenschaften der Nachrichtenagentur IPS (New York, 19. Dezember 2006)
  4. Laut Jahresbericht 2010 beschäftigte IPS 453 Journalisten, die aus 506 Orten in 136 Nationen berichteten. Mehr als 70 Prozent der Korrespondenten waren in afrikanischen, asiatischen oder lateinamerikanischen Ländern beheimatet. Pro Monat wurden im Durchschnitt 627 Beiträge in den Hauptsprachen Englisch (346 Beiträge), Spanisch (234 Beiträge) und Französisch (47 Beiträge) produziert. Diese wurden für internationale Kunden in weitere 23 Sprachen übersetzt. Zusätzlich hat IPS in diesem Jahr 123 Kolumnen von prominenten Gastautoren wie dem ehemaligen FAO-Generaldirektor Jacques Diouf oder Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff verbreitet (IPS 2011).

    Die IPS-Berichterstattung stößt international auf zunehmende Resonanz: Zwischen 2007 und 2010 haben 5.010 Medien die Beiträge derNachrichtenagentur veröffentlicht. Die Anzahl der Clippings ist in vier Jahrenum 157 Prozent gestiegen – von 3.117 (2007) auf 8.040 (2010) pro Monat (IPS 2011).

    In ihrer fast 50-jährigen Geschichte stand die Nachrichtenagentur finanziell mehrmals auf der Kippe. Dass IPS allen Unkenrufen zum Trotz heute höchst lebendig agiert, ist für den Schriftsteller Eduardo Galeano (zit. nach IPS 2012) der Hartnäckigkeit seiner Protagonistenzu verdanken:

    »IPS is living proof that miracles exist, assuming that they are human. This miracle is the fruit of the human obstinacy of seamen that traverse human waters, day after day, opening the way for honest information and free opinion.«
  5. Die Geburtsstunde in der Ewigen Stadt


    Die von Galeano angesprochene Hartnäckigkeit zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte von IPS. Eine Geschichte, die eng mit der ihres Gründers Roberto Savio verbunden ist. In seinem Buch The Journalists Who Turned The World Upside Down erinnert Savio (2012a) an die Situation im internationalen Nachrichtengeschäft zu Beginn der 1960er Jahre: Informationen flossen ausschließlich vom Norden in den Süden; die Weltagenturen Reuters, AFP, UPI und AP produzierten mehr als 90 Prozent der internationalen Berichterstattung.
  6. IPS Inter Press Service - International News Agency
  7. Image-Video von IPS aus dem Jahr 2007
  8. Afrika und die Zukunft

    Nach den stürmischen Ereignissen konnte IPS seine Expansion zunächst ungehindert vorantreiben: Regionalzentren wurden in Lateinamerika, Asien und Afrika errichtet, später folgten Europa und Nordamerika.

    In Afrika war bereits seit 1983 intensiv am Aufbau eines eigenen Netzes gearbeitet worden. Nach mehreren fehlgeschlagenen Versuchen in Nigeria und im Senegal wurde 1986 die Afrika-Zentrale in Harare eröffnet (Salamanca Orrego 1993). Die Entwicklung des afrikanischen Nachrichtennetzes genoss bei IPS höchste Priorität. Das wurde auch nach Savios Rückzug als Generaldirektor deutlich: Die Direktorin der Afrika-Zentrale, die simbabwische Journalistin Patricia A. Made, trat in die Fußstapfen des IPS-Gründers und übernahm in den Jahren 2000 bis 2002 die Gesamtleitung der Nachrichtenagentur.

    Nachdem sich Simbabwe nach der manipulierten Präsidentschaftswahl 2002 zunehmend ins internationale Aus manövriert hatte, verlegte IPS den Sitz der Afrika-Zentrale nach Johannesburg. Aus der südafrikanischen Metropole werden heute mehr als 150 Mitarbeiter in 43 Staaten koordiniert (IPS 2011).

    Zurück in die 1980er Jahre: Um 1985 war IPS mit Büros in ca. 60 Ländern vertreten (Giffard 1998). Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks verschlechterte sich die Situation aber rapide. Für Oliver Boyd-Barrett und Terhi Rantanen (1998) lag der Hauptgrund für den Abwärtstrend darin, dass Entwicklungshilfegelder nach Osteuropa abwanderten. IPS war davon in zweierlei Hinsicht betroffen: Einerseits waren schlagartig weniger Mittel für die Durchführung von Projekten verfügbar. Andererseits hatte die Agentur darunter zu leiden, dass NGOs als wichtiger Abnehmerkreis selbst mit Budgeteinschnitten zu kämpfen hatten. Darüber hinaus hatten die einst populären Telekommunikationsleistungen von IPS durch den Einzug neuerer Technologien nach und nach an Bedeutung eingebüßt.

    Anhand eines Budgetvergleichs macht Giffard (1998) den finanziellen Niedergang deutlich: Waren IPS im Jahr 1992 noch 15 Millionen US-Dollar zur Verfügung gestanden, sank der Jahreshaushalt bis zum Jahr 1997 auf 5,8 Millionen US-Dollar. Schwer zu verkraften war dabei der Verlust eines großen Geldgebers: 1992 hatte sich die öffentliche Lotteriegesellschaft der Niederlande zu einer jährlichen Förderung mit drei Millionen US-Dollar entschlossen, um den Ausbau des europäischen IPS-Netzes zu unterstützen. Unstimmigkeiten zwischen der Gesellschaft und dem IPS-Management in Rom führten aber bald zur Beendigung der Zusammenarbeit (Giffard 1998).

    2012 betrug das Budget der Agentur nach Angaben des damaligen Generaldirektors Mario Lubetkin (2012) ca. sechs Millionen Euro. »Peanuts«, wie Lubetkin im Telefoninterview erklärte. Die Finanzierung erfolgte zu je 40 Prozent durch Gebernationen – für 2011 nannte Lubetkin Spanien, Norwegen und Finnland als wichtigste Unterstützer – und aus gemeinsamen Projekten mit UN-Organisationen wie z. B. UNDP, UNIFEM oder UNICEF. Die restlichen 20 Prozent wurden am Nachrichtenmarkt erwirtschaftet.

    Trotz eingeschränkter finanzieller Ressourcen war die Nachrichtenagentur für Lubetkin (2012) besser aufgestellt denn je: Die Qualität der Beiträge habe sich entscheidend verbessert, das Internet eine deutlich höhere Reichweite ermöglicht. Die Websites verzeichneten pro Monat 1,5 Millionen Besucher bzw. 50 Millionen Seitenaufrufe, außerdem wurden die Inhalte auf Social-Media-Kanälen wie Facebook oder Twitter verbreitet. Auch Partnerschaften mit THOMSON REUTERS, THE GUARDIAN oder THE HUFFINGTON POST hätten IPS eine noch nie dagewesene Bedeutung verliehen (IPS 2011).

    Dennoch war dem IPS-Generaldirektor bewusst, dass die Zeiten für das klassische Business-Modell von Nachrichtenagenturen vorbei sind: Mario Lubetkin (2012) wollte deshalb IPS von einer Nachrichtenagentur zu einer Multimedia-Plattform weiterentwickeln: der Fotodienst sollte verstärkt und Social-Media-Aktivitäten ausgebaut werden. Außerdem sollte ein eigenes TV-Angebot etabliert werden: Die erste Sendung von IPS TELEVISION wurde am 22. Oktober 2013 ausgestrahlt - zwei Monate später wurde das Service allerdings wieder eingestellt.

    Gleichzeitig richtete die Agentur ihren Blick noch stärker als bisher auf Schwellenländer. Fragen zu den globalen Finanzmärkten, zur Weltwirtschaft oder zur Umwelt könnten laut Lubetkin nicht ohne die Teilnahme von ›Emerging Countries‹ gelöst werden. Daher sei es wichtig, die Sichtweisen neuer Global Player wie China oder Indien zu transportieren. Länder wie Brasilien, Katar, Saudi Arabien oder Südafrika unterstützen heute die Arbeit von IPS . Lubetkin (zit. nach Lubetkin u. Piacentini 2012: 409) betrachtete es als große Herausforderung für die Agentur, die Interessen des Publikums in diesen Ländern zu erfüllen:

    »(...) let’s think about integration processes in Africa, Asia or Latin America, three increasingly important regions. People in those regions want to read a little bit less about Europe, the United States and Japan, and a little more about the integration processes in their countries. And the reason is that today, they know this has to do with their own direct interests. It is simple: to a great extent due to technological changes, those media are not up to the current challenges and the resulting information needs of their audiences run the risk of disappearing.«

    Für die Erreichung dieser Ziele spielen strategische Partnerschaften eine bedeutende Rolle. 2006 hat IPS begonnen, mit ›Al Jazeera‹ über eine Zusammenarbeit zu verhandeln. Heute kooperiert das TV-Imperium in Doha mit der kleinen Nachrichtenagentur bei Projekten zu globalen Fragen wie Klimawandel und Migration. Beide Seiten hätten laut Lubetkin (zit. nach Lubetkin u. Piacentini 2012: 407) erkannt, dass die Bündelung von Kräften notwendig ist:

    »(...) as we have discussed with our colleagues in that Arab network, with which we have an active cooperation agreement, it is necessary to join forces to create a big pool of media from the South that helps to balance the international information system.«

    Mit 31. Jänner 2014 verließ Mario Luetkin IPS und wurde Kommunikationsdirektor der FAO. Der österreichische Diplomat Walther Lichem, stellvertretender Vorsitzender des IPS Vorstands, übernahm interimistisch die Leitung. Mit 1. April 2014 wurde Ramesh Jaura zum neuen Generaldirektor bestellt. Jaura war seit 1987 Geschäftsführer von IPS Deutschland, das per 31. 12. 2015 den Dienst einstellte.
  9. Seit 1. September 2015 ist die erfahrene Kommunikationsspezialistin Farhana Haque Rahman, die in mehreren UN-Organisationen tätig war, Generaldirektorin von IPS.