1. 15.7.2014 Großmachtswahn oder Realpolitik: Die politische Deutung des Titelgewinns
  2. Während die DFB-Elf noch auf dem Weg zur Fanmeile in Berlin ist, hat Präsidentin Kirchner die Nationalmannschaft ihres Landes bereits in Empfang genommen und dankt ihr im Namen aller Argentinier unter anderem mit diesem Tweet. Irritierenderweise berichtet sie davon, kein Spiel gesehen zu haben...
  3. ... vor dem Brandenburger Tor hat es sich bereits Stunden vor dem Eintreffen der deutschen Nationalmannschaft erheblich gefüllt wie die Sportschau bei Vine zeigt:
  4. Derweil war das Bundesfinanzministerium nicht untätig und hat etwas vorbereitet: Minister Schäuble präsentierte am Tag nach dem Titelgewinn eine Sonderbriefmarke, die in Kürze bei der Deutschen Post erhältlich sein soll. 
  5. Die SZ ordnet den deutschen WM-Sieg mit einer "Titel-Sammlung" historisch ein...
  6. In historischen Dimensionen denkt auch Christian Eichler in der FAZ: "Wie in Bern war der große Triumph auch jetzt nicht eine Demonstration der Macht, sondern des Mitgefühls. Laut DFB-Präsident Wolfgang Niersbach brachte es der Elf große Sympathie der Brasilianer ein, wie sie nach dem 7:1-Sieg auf die Unterlegenen zuging. Nicht nur im Erfolg, auch im Stil, im Schauwert und in der Haltung bei Sieg und Niederlage ist unser Fußball der von aller Welt bewunderte Maßstab geworden."
  7. Dem Verleger des Freitag, Jakob Augsteingeht es hingegen in seiner Kolumne beim Weltmeister zu martialisch zu: "Blutend geht Bastian Schweinsteiger vom Platz. Aber es hält ihn nicht an der Seitenlinie. Er muss zurück zu seinen Kameraden an die Fußballfront."
  8. Im Interview mit dem Deutschlandradio widerspricht der Kulturtheoretiker Klaus Theweleit einer solchen Deutung vehement: "Dieses Löw-Team – also, was den Deutschen vorgeworfen wird, politische Dominanz in der EU, auch die Kriegseinsätze, die zu Recht vorgeworfen werden, in Afghanistan, Afrika, Waffenexporte und so weiter – damit hat diese Mannschaft überhaupt nichts zu tun, sie ist geradezu das Gegenstück, das Gegenbild zum deutschen Großmachtswahn, der politisch läuft."
  9. Der stellvertretende Chefredakteur der Welt-Gruppe, Ulf Poschardt, pflichtet bei: "Diese Mannschaft ist weniger eine Bestätigung deutscher Politik oder gar ihr charmantes Double wie mancherorts beschworen, als vielmehr ein aufregenden Kontrapunkt. Löws Elf war eine ideale Mischung aus Teamgeist und Individualität. Es siegte das Kollektiv in voller Ausschöpfung der Freiheitsmöglichkeiten jedes einzelnen Spielers."
  10. Nüchterner kommentiert Karsten Polke-Majewski: "Es ist diese Haltung, in der sich die Nationalspieler und die Deutschen begegnen. Reif, abgeklärt, flexibel. In Berlin würde man sagen: Realpolitiker, die wissen, was sie erreichen wollen."
  11. Für die tageszeitung versöhnt sich Denis Yücel mit einer Mannschaft, die "Merkel-Deutschland" repräsentiert: "Der jetzige Titel ist der Triumph eines Fußballs, der auf der Höhe der Zeit ist, ausgewogen und flexibel in der Taktik, höflich und sachlich im Auftreten. Erfolgsorientiert, aber nicht besessen. Selbst Manuel Neuer, in der Rolle des Siegfrieds, ist nur auf dem Platz von furchteinflößender Gestalt, ansonsten aber von geradezu verstörender Nüchternheit."
  12. Denn Realpolitik gilt als Credo der Bundeskanzlerin. Philip Oltermann porträtiert die Politikerin als Maskottchen der Mannschaft: "Merkel has taken the politicisation of football to a new level. A few days ahead of a formal celebration of her 60th birthday in Berlin on 17 July – and amid new rumours that she will step down before the end of her third term – the German team's World Cup victory has already celebrated the political values that the chancellor is keen to expound, such as pragmatism, ambition and humility."
  13. Dazu passt, dass Claudio Catuogno noch einen weiteren Titel vergibt: "Die Deutschen sind nicht nur Fußball-, sie sind auch Planungsweltmeister. Im Kleinen wie im Großen. Auch, dass es diese Generation herausragender Fußballer überhaupt gibt, ist ja das Ergebnis strategischer Planung."
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